Heute, da ich diesen Blogeintrag schreibe, habe ich schon zehn Nachtschichten hinter mir. Ungefähr genauso viele kommen noch. Also Zeit für’s Bergfest und für ein Zwischenfazit. Bisher habe ich die Nachtarbeit gut vertragen und ich hoffe, das bleibt auch so.
Seit dem 25. Mai bin ich bei den Messfahrten dabei und stehe im Betriebsbahnhof Mishmar Ayalon an der Strecke zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Der Messzug pendelt die ganze Nacht zwischen Jerusalem und Flughafen Ben Gurion (Tel Aviv) hin und her und kommt so ungefähr alle halbe Stunde bei mir vorbei.
In Shoresh machen wir uns nach dem Abendbrot auf den Weg nach Mishmar Ayalon. Alle steigen auf den Zug und machen dort die Messtechnik startklar. Ich nehme unseren Mietwagen und fahre zur Bahnhofsausfahrt, um dort meine Messtechnik aufzubauen. Ich parke den Wagen am Rande des Kollonenweges und errichte dahinter die Stative für die Lampen und Kameras. Etwas abseits stelle ich den Generator, der die Technik mit Strom versorgt. Nachts kommt einmal die Patroullie der Israelischen Eisenbahn mit einem Pick-up durch, weshalb ich Platz lassen muss, damit sie durchkommen.

Wenn ich alles eingemessen habe, gebe ich Bescheid, dass ich messbereit bin. Wenn der Zug am Flughafen Ben Gurion oder in Jerusalem abfährt, bekomme ich eine Nachricht und dann wirds spannend. Nach ungefähr 10 Minuten warten schießt der Zug um die Ecke und ich muss den Auslöser der Kameras betätigen. Wichtig ist, dass die Kameras die Ruhelage des Fahrdrahtes sehen (also wie er nicht schwingt) und so lange aufzeichnen, bis ein Großteil der Schwinungen wieder abgeklungen ist. Danach analysiere ich das Video und gebe die Ergebnisse des Fahrdrahtanhubs an den Messleiter im Zug weiter.
Ich bin aber längst nicht der einzige, der Messungen durchführt. Auf dem Zug wird jede Milli-Sekunde während der Fahrt mit zwei speziell ausgerüsteten Mess-Stromabnehmern aufgezeichnet, wie die Fahrzeugtechnik sich verhält. Wie weit streift der Fahrdraht auf der Schleifleiste des Stromabnehmers hin und her, wie starkt ist der Anpressdruck zwischen Schleifleiste und Fahrdraht, wie hoch sind die Beschleunigungen (oben/unten, rechts/links) und noch einiges mehr. Im Zug sind daher viele zusätzliche Kabel verlegt und zwei Vierer-Sitzgruppen sind zu kleinen Büro-Arbeitsplätzen umgebaut, an denen die Messingenieure sitzen und arbeiten können. Sogar einen kleinen Farb-Laserdrucker gibt es.
Das Interieur des Zuges ist gut eingepackt und der Fußboden mit einer Schutzplane ausgekleidet, damit der Zug, wenn er zugelassen ist, sauber in den Fahrgastbetrieb gehen kann.

Zum Glück gibt es im Auto ein Internetradio, sodass ich englische und deutsche Radiosender hören kann. Bei den Israelischen Sendern gefällt mir Radio Galgalaz. Die Moderationen sind zwar auf Hebräisch und ich verstehe kein Wort außer Leijla tov, was soviel wie Gute Nacht bedeutet, aber die Musikauswahl ist ein lustiger Mix aus westlichen Charts und hebräischen Liedern.
Normalerweise schaffen wir acht Zugfahrten pro Nacht. Gestern waren es tatsächlich sogar zehn. Manchmal sind es aber auch nur sechs, weil es ab und an noch Probleme am Zug gibt oder die Lokführer nicht fahren wollen.
Gegen halb vier ist dann aber auf jeden Fall Schluss, weil der Messzug von der Strecke muss, bevor die anderen Personenzüge wieder auf die Strecke fahren. Dann baue ich ab, packe zusammen und wir sind wieder in Shoresh, wenn die Vögel zwitschern. Zum Glück ist es hier ruhig und die Vorhänge vor den Fenstern sind sehr dicht, sodass man es sich dunkel machen kann. Ich schlafe meist bis 12 Uhr und frühstücke dann entspannt.
Der Rest des Tages besteht dann aus Messdaten nach Dresden laden, Schwimmen gehen im Pool, wandern oder zum Beispiel Blogeinträge schreiben. Wenn ich so auf der kleinen Veranda sitze, kommt manchmal eine der vielen Katzen vorbei (immer die selbe, bunt getigerte) und setzt sich auf einen der Stühle hier.

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