Der Donnerstag war mein erster Tag außerhalb der Quarantäne und diesen wollte ich dazu nutzen, Jerusalem einen Besuch abzustatten. Auch wenn der Tag etwas holprig begann, war es ein wunderbares Erlebnis und ich um unzählige Eindrücke reicher, als ich abends in mein Bett fiel. Ich muss auf jeden Fall noch ein zweites Mal nach Jerusalem.
Wie gesagt, fing der Tag etwas holprig an, denn nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg, um mir neben einer israelischen SIM-Karte auch eine Rav Kav zu besorgen. Die Rav Kav ist eine Chipkarte, auf die man Geld oder ganze Tickets laden kann. Damit bezahlt man dann seine Fahrten im ÖPNV. Das war also die Grundvoraussetzung, um überhaupt nach Jerusalem zu kommen. Fahrkarten in Papierform oder gar Bargeld an den Ticketschaltern gibt es hier kaum. Auch eine israelische SIM-Karte war für mich eine Grundvoraussetzung, denn außerhalb des Hotels hatte ich kein WLAN, also kein Internet auf dem Handy. Und so ein Smartphone mit Internet ist ein richtig gutes Helferlein, wenn man sich in einem fremden Land zurechtfinden muss. Egal ob nun Fahrplanauskunft, Kartennavigation oder Übersetzungsapp. Es unterstützt ungemein!
Also lief ich los und konnte mir erstmals mein Hotel von außen, die Umgebung und Herzliya anschauen. Es war schön, endlich mal wieder längere Strecken zu Fuß zurücklegen zu können. Vorher war Laufen ja nur innerhalb des Apartments möglich. Also ging ich ins Stadtinnere und suchte eine Drogerie namens „Super Pharm“, bei der es eine Rav Kav geben sollte. Erst unterwegs fiel mir auf, dass ich sehr naiv war: Die Beschilderungen der Läden waren vorwiegend auf Hebräisch… aber wie schreibt man nun „Super Pharm“ auf Hebräisch? Mein Kopf drehte sich wie ein Leuchtturm auf der Suche nach Hinweisen zu dieser Drogerie. Ich irrte ein wenig durch ein Einkaufszentrum und wurde dann tatsächlich fündig. Ich schnappte mir noch einen Pack Batterien und stellte mich an die Kasse, um nach einer Rav Kav zu fragen. Leider hatten sie keine mehr und verwiesen mich daher an eine andere Filiale in einem anderen Einkaufszentrum 30 Gehminuten entfernt. Auf dem Weg dort hin lag auch der Bahnhof, dort wollte ich ebenfalls mein Glück probieren.

Dort standen schon einige Züge, aber die Security-Menschen am Einlass meinten, dass ich für eine Rav Kav nach Tel Aviv fahren müsse. Na das wäre ja doof. Also zog ich weiter zum zweiten Einkaufszentrum. Dort fand ich wieder die Drogerie und auch dort halfen mir die Mitarbeiter*innen sehr weiter, obwohl auch sie keine Rav Kav vorrätig hatten. Naja… bei der Gelegenheit kaufte ich gegenüber im Handy-Laden noch eine SIM-Karte und hatte nun mobiles Internet. Check!
Also lief ich zurück zum Bahnhof entlang einer Straße, die noch gebaut wurde. An einer Kreuzung stand eine Bau-Ampel. Während die ja in Deutschland meist mit einem Stahl-Gerüst aufgebaut ist, nutzt man in Israel Holzstämme für die Lichtsignalanlagen.

In Israel geht man übrigens häufig bei Rot über die Ampel. Ich habe mich dann auch irgendwann daran angepasst. Man wartet sonst ewig auf die eigene Grün-Phase, obwohl auch voher schon ewig kein Auto kommt. Außerdem gucken die Israelis komisch, wenn man pflichtgetreu wartet…
Zurück am Bahnhof hatte das Security-Team gewechselt und die eine Dame half mir weiter mit meinem Wunsch nach einer Rav Kav: Ich solle einfach gleich links zur Kasse gehen. Dort gäbe es die nicht-personalisierten Rav Kavs für fünf Schekel (~1,25 €) zu kaufen. Manchmal kann es so einfach sein. Die anderen Leute waren wohl davon ausgeganen, dass ich einer personalisierte Rav Kav (mit Foto und so) wöllte und deshalb nach Tel Aviv müsse. Also gings zur Kasse, aber vorher muss man noch seine Sachen und sich scannen lassen. Wegen der Sicherheit und so.

Bei der Kasse bekam ich meine Rav Kav und auch das Tagesticket nach Jerusalem. Das ist echt günstig. Sonst ist hier in Israel das meiste sehr teuer, aber Bus- und Bahnfahren nicht. Für das Tagesticket habe ich umgerechnet ca. 9 € bezahlt. Da der Zug nach Jerusalem gerade abgefahren war, hatte ich eine knappe halbe Stunde Zeit, um mir die Züge auf dem Bahnhof anzugucken und mich zu freuen, dass ich nun eine SIM- und eine Rav Kav Karte hatte.

Ein Großteil der Züge und Lokomotiven sieht sehr deutsch aus und kommt auch von dort. Bei den roten Doppelstock-Waggons könnte man meinen, hier fährt DB Regio Süd-Süd-Ost (Danke an Julius für diesen schönen Nerd-Witz).
Die Fahrt nach Jerusalem dauerte eine knappe Stunde. Das ist deutlich schneller als mit dem Auto. Nicht, weil die Züge so schnell fahren. Tatsächlich liegt die Höchstgeschwindigkeit der Züge bei 160 km/h. Sondern weil die Autos so langsam unterwegs sind. In Tel Aviv ist eigentlich immer Stau und auch sonst läuft der Verkehr zähflüssig. Warum der Zug dann so leer war, kann ich mir noch nicht erklären.

Wie Tel Aviv so ist, wollte ich am Freitag erfahren und daher stieg ich nicht aus. Ursprünglich hatte ich geplant, mir hier eine SIM-Karte im Dizengoff Center zu holen. Das wurde mir in einem Reiseführer empfohlen. Aber da ich ja mittlerweile schon eine israelische SIM hatte, blieb ich sitzen und fuhr direkt nach Jerusalem. Raus aus der Stadt geht es entlang der Autobahn zum Flughafen und dort weiter an der Autobahn Richtung Osten. Unterwegs sah ich den Betriebsbahnhof, wo der Messzug stand und auch meine Stelle ist, an der ich den Fahrdrahtanhub messen werde. Dann geht es ab in den Tunnel, denn er Jerusalemer Bahnhof liegt ca. 70 m unter der Erde.
Drei Rolltreppen überwinden nacheinander den Höhenunterschied und dann ist man direkt am zentralen Umsteigepunkt, denn am Bahnhof halten nicht nur alle Fernbusse der Region, sondern auch die Straßenbahn von Jerusalem, mit der man bequem vom Bahnhof zur Altstadt gelangt. In der Straßenbahn war meine Rav Kav gültig, sodass ich hier kein weiteres Ticket brauchte.

Und da frage ich mich: Warum geht sowas nicht in Deutschland? Mit der Rav Kav habe ich eine elektronische Karte im Checkkartenformat, mit der ich (anonym) Kleingeld und Tickets aufladen kann, die ich dann landesweit nutzen kann. Die allermeisten Busfirmen und die Eisenbahn akzeptieren diese Karte sowie die Tickets. Und obendrauf: Ich kann mit meinem Handy und einer Kreditkarte die Rav Kav selbst aufladen. So einfach müsste Ticketing im ÖPNV überall sein.
In den Zügen in Israel gibt es übrigens keine Ticketkontrolle, sondern es ist so wie z.B. in Großbrittanien: Es gibt Zugangskontrollen an den Bahnhöfen und diese Schranken lassen einen nur rein oder raus, wenn man ein gültiges Ticket für diese Relation besitzt.

Mit der Straßenbahn ging es für mich also in die Altstadt und ich stieg am Damaskustor aus, weil ich gelesen hatte, dass das das imposanteste Stadttor des historischen Jerusalems sein sollte. Das Damaskustor ist jetzt im Ramadan allabendlich der Treffpunkt der musilimischen Jugendlichen, die das Fastenbrechen gern sehr ausgelassen zelebrieren. Den (jüdischen) Sicherheitskräften gefällt das nicht, weshalb sie ab und an das Tor und den Platz davor absperren. Jetzt war es aber noch ruhig und so konnte ich ein schönes Foto schießen:

Ich ging die Al Wadi Straße hinunter an den unzähligen Läden vorbei bis zur Via Dolorosa, an deren Ecke sich das Österreichische Hospitz befindet. Ich ging die Stufen hinauf, um in den Garten zu gelangen. In dem Moment hob der Muezzin der gegenüberliegenden Moschee zum Mittagsgebetsruf an. Da wurde mir schlagartig klar, wie sehr diese Stadt von drei Religionen in Beschlag genommen wird. Ich wartete einen Moment und ließ dieses Arrangement auf mich wirken. Dann ging ich hinen zur Rezeption und es war schön, sich in diesem fernen Land mit jemanden auf deutsch unterhalten zu können. Ich finde Fremdsprachen (und die dazugehörigen Kulturen) mega interessant, nur merke ich leider, dass ich niemand bin, der es schafft, andere Sprachen gut zu sprechen.
Das Österreichische Hospitz hat auch ein kleines Café, in dem es landestypische Speisen gibt. Also Schnitzel und Österreichisches Bier. Witzig.

Nachdem ich mich gestärkt hatte, zog es mich in die Kapelle des Hospitzes und auch auf die Dachterrasse, denn von dort hat man einen wirklich grandiosen Ausblick über die Dächer des historischen Jerusalems.

Als ich dort oben so stand und die Kuppel des Felsendoms sah und die Kirchtürme, wurde mir so ganz langsam klar, dass ich tatsächlich in Jerusalem war. Das war so krass. So krass zu begreifen, dass ich in dieser Stadt stehe und über ihre Dächer schaue. Diese Stadt, die so viel Historie und Religion atmet. Einfach unbeschreiblich. Ich konnte mich einfach nicht satt sehen und hielt kurz inne, um diesen Moment mit allen Sinnen aufzunehmen und abzuspeichern. Der Sonnenschein, das Gemäuer, die Geräusche, der sanfte Wind…
Eigentlich wäre ich gern noch länger dort oben geblieben, aber ich wollte unbedingt noch zum Garten Gethsemane und auf den Ölberg, um die Stadt aus einer anderen Perspektive zu sehen und auch, um an diesen für meinen Glauben so wichtigen Stellen gewesen zu sein. Um die Relationen zu erkennen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es damals gewesen sein könnte.
Außerdem war ich um 15 Uhr an der Erlöserkirche mit Pfarrerin Zander von der deutsch-evangelischen Gemeinde verabredet. Gemeinsam wollten wir durch die Stadt spazieren und uns die Grabeskirche und die Klagemauer anschauen bzw. sie wollte mir das zeigen.
Also verließ ich die Dachterrasse, holte mir unten bei der Rezeption noch ein paar Postkarten und Briefmarken, verabschiedete mich und ging zu Löwentor, um die Altstadt in Richtung des Kidrontals zu verlassen. Die Straßen sind aktuell sehr leer und ruhig, normalerweise sind hier sicherlich Massen an ausländischen Touristen unterwegs. So kam ich ohne Probleme am Palast des Pontius Pilatus vorbei und ging zum Löwentor hinaus.

Unten beim Garten Gethsemane musste ich leider feststellen, dass er schon geschlossen hatte. Auch viele andere Sehenswürdigkeiten oder Kirchen waren schon ab dem Mittag geschlossen. Da zu wenig Touristen unterwegs sind, lohnt es nicht, am Nachmittag nochmal zu öffnen. Auf dem Ölberg angekommen, hatte ich dann den zweiten, sehr bekannten Blick auf Jerusalem und den Tempelberg.

Auf dem Rückweg wollte ich noch bei der Kirche vorbei schauen, an der angeblich Jesus seinen Jüngern das Vater Unser gelehrt hat, aber auch diese Stätte hatte schon geschlossen. Also ging ich flinken Fußes zurück durch das Kidrontal zum Löwentor hinauf und die Via Dolorosa entlang zur Grabeskirche. Gleich um die Ecke befindet sich nämlich die evangelische Erlöserkirche, wo ich auf Pfarrerin Zander wartete. Zusammen mit dem Hospitz der Johanniter ist das der Anlaufpunkt der evangelischen Christen in Jerusalem.
Gemeinsam gingen wir zur Grabeskirche und sie führte mich durch die verschiedenen Kapellen. Es ist ein wenig merkwürdig, denn man fragt sich, wenn man vor der Kirche steht, wo nun dieser Golgotha, der Schädelfelsen, sein soll. Felsen, Salbungsstein und Grab sind überbaut durch das Kirchengebäude. Dieser offene Hügel, wie er mit den drei Kreuzen immer dargestellt wird (und wie man es sich eventuell beim Hören der Bibeltexte vorstellt), ist nicht mehr vorhanden.

Frau Zander meinte, dass ihr der Name, den die orthodoxen Christen für die Grabeskirche verwenden, besser gefällt. Dort wird sie nämlich Auferstehungskirche genannt, was ja auch eigentlich viel zutreffender ist für das Ereignis, was dort gefeiert wird.
Also gingen wir hinein und gleich rechts hoch auf den Golgotha-Hügel, dort gibt es zwei Kapellen, in denen an die Hinrichtung Jesu gedacht wird. In der einen Kapelle ist die Stelle verziert, an der das Kreuz gestanden haben soll.

Verlässt man den Golgotha, kommt man direkt zum Salbungsstein, wo der Erzählung nach die Frauen den Leichnahm Jesu gesalbt haben sollen. Dieser Stein wird normalerweise von Pilgern belagert und mit Kerzen belegt oder mit Tüchern abgerieben, um eine eigene Reliquie mit nach Hause nehmen zu können.

Geht man daran vorbei, gelangt man zur Kapelle, die das Grab Jesu symbolisiert. Normalerweise muss man bis zu zwei Stunden anstehen, um dann für ein paar Sekunden an der Stelle beten zu können, wo der Leichnahm Jesu gelegen haben soll.

Drinnen ist es sehr eng, aber reich verziert und schön mit Kerzen belechtet. Für die einzelnen Stationen habe ich mir viel Zeit genommen, um inne zu halten und zu beten. Es war sehr angenehm, dies mal an diesen Orten machen zu können.

Nachdem wir den Rundgang abgeschlossen hatten, zogen wir durch die Gassen Jerusalems und spazierten wie es uns gefiel. In der David Straße waren wieder unzählige Stände aufgebaut, an denen man alles und nix hätte kaufen können. Weiter ging es durch das Jüdische Viertel zu dessen zentralen Platz, auf dem schon der Menora-Leuchter für den noch neu wieder aufzubauenden Tempel steht. Ein paar Ecken weiter kaufte ich mir meine eigene Kippa, um gut bereit zu sein für die Klagemauer:

Dort nahm ich mir auch noch Zeit für ein Gebet und steckte einen Zettel in die Ritzen der Klagemauer. Dann waren auch schon die zwei Stunden rum, die sich Pfarrerin Zander dankenswerterweise Zeit für mich genommen hatte. Gemeinsam gingen wir noch zurück zur Erlöserkirche und ich guckte nochmal kurz zur Grabeskirche, denn ich wollte fragen, ob zufällig demnächst ein Gottesdienst beginnt. Ich ließ mich in der Kapelle der Franziskaner nieder und lauschte den Gesängen. Nach einer Weile standen sie auf und gingen hinaus. Sie deuteten mir, mit hinaus zu kommen. Dann kam einer zu mir und fragte mich, ob ich mit beten wolle und drückte mir ein Gesangheft in die Hand. Das kam unverhofft, aber war genau das, was ich wollte.
So zog ich gemeinsam mit den 8 Mönchen durch die verschiedenen Stationen der Grabeskirche und betete mit. Am Ende standen wir wieder in der Kapelle der Franziskaner und schlossen mit einer Kreuzverehrung.
Als alles vorbei war, ging ich noch einmal zu dem Mönch, der mir das Gesangheft in die Hände gedrückt hatte und bedankte mich für das gemeinsame Gebet. Wir kamen ein wenig ins Gespräch und erzählten, wie und warum es uns nach Jerusalem verschlagen hatte. Er hieß Rad und kam aus dem Irak. Er hatte noch zwei weitere Brüder, die ebenfalls Franziskaner sind, einer davon lebt in Deutschland.
Das war ein wahrlich schöner Abschluss des Tages und ich schländerte fröhlich durch die Gassen zum Jaffa-Tor und von dort weiter zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.

Die Straßenbahn war wirklich ziemlich voll, aber da hier faktisch kaum noch jemand Corona hat, stört das niemanden. Maskenpflicht herrscht übrigens nur noch drinnen und im ÖPNV. (Glaubt aber nicht, dass sich in der Grabeskirche jemand daran gehalten hat^^)
Während der Fahrt sah ich auf einmal einen Basar mit diversen Früchten, Kräutern und Süßigkeiten. Daher stieg ich aus und holte mir noch Baklava als süßes Andenken aus Jerusalem. Auf dem Rückweg zur Straßenbahn sah ich noch eine junge Straßenband mit orientalischen Instrumenten. Da blieb ich ein wenig stehen, denn die Musik war echt schön.

Plötzlich hörte ich hinter mir zwei deutsche Stimmen sich unterhalten. Da drehte ich mich um und fragte die beiden jungen Leute, was sie nach Jerusalem verschlägt. Die beiden waren sichtlich überrascht ob der spontanen Anrede, aber fanden es sehr lustig. Sie machen ein Volontariat in einer Einrichtung für geistig und körperlich behinderte Kinder und sind schon ein halbes Jahr in der Stadt. Das war nochmal ein unverhoffter, positiv überraschender Moment an diesem Tag in dieser heiligen Stadt. Am Bahnhof stieg ich dann aus der Straßenbahn aus und ging hinunter zu den Gleisen, um den nächsten Zug nach Herzliya zu nehmen.
Halb zehn lag ich dann im Bett. Der Tag war der Hammer! 😀

Oh man, so schön geschrieben, als wäre man selbst dabei gewesen. Ich freu mich mit dir über den tollen Tag! (:
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