Erster Tag an der Strecke

Nachdem ich nun zwei Tage frei hatte, welche ich in Jerusalem und Tel Aviv verbracht habe, ging es nun heute für mich zum ersten Mal tagsüber an die Stelle, wo für die kommenden drei Wochen jede Nacht meine Arbeitsstelle sein würde: zum Betriebsbahnhof Mishmar Ayalon. Hier gibt es keine Bahnsteige, sondern nur ein Ausweichgleis, auf dem normalerweise ein Ersatz-Zug steht und die Züge zwischen Jerusalem und Tel Aviv fahren planmäßig alle durch.

Da die Stromabnehmer-Zulassungsfahrten hier auf dieser Strecke stattfinden, steht hier aktuell die Triebwagen-Garnitur abgestellt, damit sie nachts auf Messfahrt gehen kann. Meine restlichen Kollegen, die allesamt für andere Firmen arbeiten, waren an dem Tag auch in Mishmar Ayalon, um den Zug für die nächtlichen Messfahrten vorzubereiten. Daher war es eine gute Gelegenheit, mal die Örtlichkeit und alle Kollegen kennen zu lernen.

Mit meinem Mietwagen fuhr ich also am Samstagvormittag los, von Herzliya bis Mishmar Ayalon waren es knapp 50 km, welche ich fast ausschließlich über Autobahnen oder autobahn-ähnliche Straßen zurückgelegt habe. Nur zum Schluss ging es ein kurzes Stück über eine Landstraße zum Betriebsbahnhof. Da Shabbat war, waren die Straßen angenehm leer. Also es ist immer noch viel Verkehr, aber es war ein guter Einstieg für mich, um zu lernen, wie israelischer Straßenverkehr funktioniert. Also ja, es gelten die allgemeinen Straßenverkehrsregeln und die Verkehrsschilder sehen auch fast so aus wie in Deutschland. Außerdem ist „normaler“ Rechtsverkehr. Aber es ist doch eine andere Mentalität hier. Es wird auch gern mal rechts überholt, manche zischen regelrecht durch die Lücken im Verkehr und Blinker scheinen nur ein lustiges Gimmick. Selten werden sie zum Anzeigen eines Spurwechsels angezeigt und manche Leute lassen sie einfach über mehrere Minuten dauerhaft blinken, ohne die Spur wechseln zu wollen. Da manche auch nicht so gut in der Lage scheinen, die Spur halten zu können, wird die Hupe sehr häufig eingesetzt. Eine Vollkasko-Versicherung ohne Selbstbeteiligung lohnt sich also auf jedem Fall in diesem Land.

Gehupt wird gern und häufig. Dabei ist es nicht gleichzusetzen mit dem gefühlten Baseball-Schläger, der einem entgegen schwingt, wenn man in Deutschland angehupt wird. Das Hupen wird hier einfach für alles eingesetzt. Meist geht es aber um Aufmerksamkeit: Ausparkenden Autos wird gern mal ein „Vorsicht, ich fahre an dir vorbei“ zugehupt oder Einbiegende Leute darauf hingewiesen, dass sie jemanden auf der Hauptstraße übersehen haben. Durch dieses Mitdenken für andere, kracht es dann doch gar nicht so häufig, wie man beim ersten Blick auf das Chaos denken würde.

Auf dem Betriebsbahnhof angekommen, stand ich vor einem Tor. Mein Kollege hatte mir eine Nummer gegeben, wo ich anrufen und meinen Namen nennen solle. Tatsächlich reichte mein Vorname und das Tor wurde mir geöffnet. Dort ging es dann nur noch weiter auf staubigen Feldwegen mit tiefen Schlaglöchern, sodass ich ein wenig Angst um meinen Mietwagen hatte. Die Sonne brannte heiß und ich hatte hohen Respekt vor den Kollegen, die bei diesem Wetter auf dem Dach des Zuges an den Stromabnehmern arbeiteten. Ich parkte kurz den Wagen, stellte mich vor und besprach mit meinen Kollegen das weitere Vorgehen. Der Stromgenerator, der für die Energieversorgung meiner Technik nötig ist, war noch in Benutzung und sollte mir gleich hinterher geliefert werden.

Daher fuhr ich schon mal weiter am Stellwerk vorbei zum anderen Ende des Betriebsbahnhofs. Anhand von Fotos und Markierungen fand ich die beiden Masten, an denen ich messen sollte. Ich stellte mein Auto auf den schmalen Rand des Feldweges und baute die Technik auf.

Weil ich immer wieder gefragt werde, was wir messen und wie wir messen, wollte ich das auch mal kurz erklären.

Ich messe den Fahrdrahtanhub, der durch den Stromabnehmer verursacht wird. Der Fahrdraht hängt ja über dem Gleis, damit der Zug seinen Strom für die Antriebe, Licht, Klimaanlage usw. erhält. Der Triebwagen hat dazu einen Stromabnehmer, mit dem er von unten gegen den Fahrdraht drückt. Das ist ein schleifender Kontakt, denn der Zug bewegt sich ja unter dem Fahrdraht entlang. Damit der Stromabnehmer den Kontakt zum Fahrdraht auch bei hohen Geschwindigkeiten nicht verliert, drückt er mit einer gewissen Kraft dagegen. Wenn der Zug fährt, gibt es weitere Einflüsse durch den Fahrtwind auf diese Kontakt-Kraft. Das heißt es kann mehr oder weniger werden und schwankt ein bisschen. Wie weit der Stromabnehmer den Fahrdraht bei diesem schwankenden Prozess anhebt, mess ich nach, denn das darf einen bestimmten Grenzwert nicht überschreiten, sonst gibt es Schäden am Fahrleitungsmast oder am Stromabnehmer.

Um zu messen, wie hoch der Fahrdraht angehoben wird, filmen wir den Fahrdraht. Das Verfahren, was wir dabei anwenden, hat sich mein Prüftstellen-Chef vor einigen Jahren patentieren lassen. Es gibt auch andere Möglichkeiten, den Fahrdrahtanhub zu messen, aber dafür muss man meistens an den Fahrdraht direkt ran und das kann ungesund sein, denn auf dem Fahrdraht liegen 25.000 V an. Das ist mehr als das hundertfache, was bei uns an der Steckdose anliegt! Mit meiner Kamera bin ich aber auf sicherem Abstand.

Ich mache also ein Video vom Fahrdraht, wenn der Zug vorbei fährt und zähle anschließend die Pixel, um die der Fahrdraht auf dem Video nach oben gewandert ist. Dann kann ich umrechnen, wie viele Millimeter das sind. Fertig.

Mit den Messergebnissen kann dann der Hersteller des Zuges bei der Zulassungsbehörde nachweisen, dass sein Zug entsprechend der Vorgaben gebaut wurde und somit keine Schäden an der Strecke hinterlässt, wenn er darauf fährt.

Ich hoffe, es ist euch jetzt klarer, was ich hier so mache. 🙂

Nachdem ich die Technik erfolgreich getestet hatte, verpackte ich wieder alles in den Koffern, welche wir gleich im Messzug verstauten, denn morgen beginnt die erste Messnacht, wo ich eh wieder alles brauche. Zurück zum Hotel ging es dann auch ganz entspannt, die Straßen waren frei. Angekommen im Zimmer musste ich meine Sachen packen, denn am Sonntag ging es für mich über Tel Aviv nach Shoresh, zu meiner neuen Unterkunft. Hier sind auch zwei meiner Kollegen untergebracht, mit denen ich Abend für Abend zum Betriebsbahnhof Mishmar Ayalon fahre, das nur ca. 20 km von Shoresh entfernt liegt.

Jetzt geht es also los! 🙂

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