Anreise

Sonntagmorgen gings los. Nach einem kleinen Frühstück und einem letzten Check, ob alles dabei ist, brachte mich Dorit zum Bahnhof. Mit einer Mischung aus Vorfreude und Abschiedsschmerz stieg ich in den Zug. Dass ich Dorit jetzt für fünf Wochen nicht sehe, habe ich ein wenig verdrängt. Vielleicht, weil ich es sowieso nicht ändern kann. Vielleicht auch, weil ich sehr gespannt bin auf das, was mich in Israel erwartet.

Mit dem DoSto-IC fuhr ich nach Leipzig, um dort in einen ICE4 nach Frankfurt umzusteigen. In Erfurt kamen noch meine Eltern an den Bahsteig, um mich zu verabschieden. Das war ein sehr schöner Moment.

Die Bahnfahrt verging sehr schnell und so war ich kurz nach 13 Uhr in Frankfurt (M) Hbf. Ein paar Minuten zu spät, um mit der eigentlich laut Verbindung vorgesehenen S-Bahn zum Flughafen zu fahren, aber ein paar Bahnsteige weiter fuhr ein ICE Richtung Köln ebenfalls am Frankfurter Flughafen vorbei, sodass ich kurzerhand für eine Station in den ICE hoppte.

Am Fernbahnhof des Flughafens kam dann der erste Praxistest: passt der Roll-Koffer, den ich mir von meiner Schwester ausgeliehen hatte, überhaupt auf die Roll-Treppen? Das Ding hat ein überaus großes Packmaß, was ich auch brauche, denn neben meinen Klamotten transportiere ich noch ein wenig sensible Messtechnik nach Israel. Ich staunte nicht schlecht, als ich am Samstag -also am Vortag meiner Abreise- mit der von Mechthild+Christian geliehenen Kofferwage (Danke nochmals!) den Koffer wog und er auf stattliche 23kg Kampfgewicht kam. Zuerst waren es sogar fast 24kg und damit ein Kilogramm zu viel für das Freigepäck. Dank Dorits Recherche konnte aber eine Lösung gefunden werden: Neben dem Handgepäck (8kg) und dem Freigepäck (23kg) ist noch eine (Hand-)Tasche oder ein Beutel gestattet, den man neben dem Handgepäck mit in die Flugzeugkabine nehmen darf. In diesen Beutel stopfte ich dann die Laptops.

Aber zurück zu den Roll-Treppen. Der Roll-Koffer passt drauf, wenn auch quer und so ging es zwei Ebenen hinauf und von dort über einen überdachten Querverbinder zum Terminal 1 des Frankfurter Flughafens. Ich vermute mal, dass hier außerhalb von Corona-Zeiten unheimlich viele Menschen vor den Chek-In-Schaltern stehen und ihre Koffer aufgeben. Aber diesmal war es übersichtlich leer.

Nach kurzen Überlegungen, ob ich noch was aus dem großen Koffer bräuchte, checkte ich kurzentschlossen ein. Die Dame am Schalter wollte nun sämtliche Unterlagen sehen, die ich in den Tagen (und Wochen) vor der Abreise beantragt/erstellt/ausgedruckt hatte. Wegen Corona ist nämlich aktuell die Einreise nach Israel stark beschränkt. Man darf nur einreisen, wenn man in Israel lebt oder sehr nahe Verwandte hat oder man hat eine gute Ausrede: Man muss dort arbeiten (so wie ich).

Also zeigte ich der Dame neben meinem Pass und der Buchungsbestätigung (sowieso immer obligatorisch) zusätzlich meine Anreise-Erlaubnis vom Flughafenchef in Tel Aviv, meine Einreise-Anmeldung beim Gesundheitsministerium von Israel, meine Erklärung, dass ich mich nach Einreise in Quarantäne begebe sowie mein negatives PCR-Testergebnis. Als sie das alles gesehen hatte, rief sie ihren Kollegen an, um ein IATA-override zu beantragen. Erst mit dieser Bestätigung konnte sie mich auf meinen Flug LH690 einchecken. Damit war ich auch meinen 23kg schweren Koffer los und schländerte noch etwas durch das Terminal, denn mir blieben noch ca. 3 Stunden bis zum Abflug.

Julius meinte, ich sollte unbedingt eine Runde mit dem SkyTrain fahren. Das ist eine automatisch fahrende Bahn mit Gummi-Rädern, die auf einer aufgeständerten Strecke die zwei Terminals geschwind verbindet. Durch das geringe Fluggastaufkommen ist allerdings das zweite Terminal geschlossen, sodass der SkyTrain nur zwischen den beiden Ästen des Terminals 1 pendelt und das leider auch nur für Transit-Fluggäste. Da ich noch nicht im hinter der Passkontrolle war, durfte ich also nicht mitfahren.

Der SkyTrain kann aber im Normalbetrieb von Leuten innerhalb und außerhalb des Sicherheitsbereichs gleichermaßen genutzt werden. Allerdings nicht im selben Fahrzeug versteht sich. Damit man als Gast nicht plötzlich aus Versehen im Sicherheitsbereich landet, haben die Bahnsteige des SkyTrains zwei Seiten. Von der einen Seite kann man aus dem Transitraum einsteigen, von der anderen Seite von außerhalb des Sicherheitsbereichs. Natürlich öffnen sich die Türen nicht gleichzeitig, sodass beide Sicherheitsberiche getrennt bleiben.

Der SkyTrain

Dorit hatte mir als Proviant noch eine Klick-Dose voller Nudelsalat mitgegeben und dabei hat sie es mit mir wirklich gut gemeint, denn die Dose war proppenvoll. Ich hatte meine gute Mühe, alles aufzuessen, bevor ich durch die Sicherheitskontrolle gehen konnte. Ich war mir nicht sicher, ob so eine Box mit Nudelsalat den Beamten ein Dorn im Auge oder eine willkommene Mittagessen-Abwechslung sein könnte. In jedem Fall hätte ich es aber schade gefunden, die Besitzansprüche am Salat abtreten zu müssen, weshalb ich ihn lieber komplett aufgegessen habe. Und weil ja Flüssigkeiten ebenfalls auf einen Liter pro Fluggast begrenzt sind, musste die Wasserflasche auch noch leer werden.

An der Sicherheitskontrolle bekam ich dann einen kleinen Schock: Ich hatte vergessen, mein Multi-Tool, das ich immer mit mir am Gürtel herumtrage, in den Koffer zu packen, damit es bei der Sicherheitskontrolle keinen Ärger macht. Naja…nun gab es kein Zurück mehr und ich legte alles in die großen Schachteln: Pass, Handy, Schlüssel, Portemonnaie, Gürtel und Multi-Tool. Dazu die Jacke und Strickjacke. Den Rucksack in eine extra Schachtel und auch die beiden Laptops in eine weitere. Dann wurde alles durchleuchtet und auch ich ging durch den 360-Grad-Scanner.

Zu meiner Überraschung gab es keinerlei Beanstandungen, sodass ich mein geliebtes Multi-Tool wieder zusammen mit meinem Gürtel um meine Hüfte schnüren durfte.

Weiter gings durch die Pass-Kontrolle und schon war ich ausgereist.

Zu meiner Überraschung (eigentlich hätte ich es mir denken können) gab es am Gate eine weitere und deutlich umfangreichere Sicherheitskontrolle. Hier musste ich nochmals meine Einreisedokumente vorlegen, wie schon beim Check-In und meine Körpertemperatur per Wärmebildkamera testen lassen. Dann wurde wieder mein komplettes Handgepäck gescannt, sodass ich ein weiters Mal um mein Multi-Tool bangen musste. Aber auch diesmal interessierten sich die Sicherheitsleute dafür nicht, sondern für meinen Rucksack. Der Sicherheitsmensch guckte sogar nach, wie ich mein Käsebrot belegt hatte. Außerdem wurde ich von oben bis unten abgetastet. Es war aber nicht so schlimm, dass Dorit eifersüchtig werden müsste. 😉

Ebenso wurde bei jedem Fluggast ein Sprengstofftest gemacht. Dabei wird man mit einem kleinen Spezial-Papier abgewedelt, welches anschließend in ein Spezial-Gerät gesteckt wird. Dann gibt es ein ganz spezielles „Nö. Negativ“ und man darf die Kontrolle verlassen. Achja… Die Schuhe werden auch abgetastet.

Diese ganzen Prozeduren hatten doch etwas Zeit in Anspruch genommen, aber es war immer noch eine Stunde bis zum Abflug, welche ich nutzte, um mit Dorit zu telefonieren.

Dann kam der Aufruf und alle drängelten vom Schalter die Treppe hinunter zu den Bussen, die uns Fluggäste zum Flugzeug brachten. Mittlerweile hatte es draußen angefangen zu regnen und wir mussten noch etwas im Bus warten, bis wir das Flugzeug betreten durften. Währenddessen konnte man dabei zusehen, wie der Bauch des Flugzeugs mit den Koffern und Kinderwägen beladen wurde. Tatsächlich waren sehr viele Familien auf dem Flug unterwegs.

Der Flug an sich war dann relativ unspektakulär. Ich hatte glücklicherweise einen Fensterplatz ergattert und nachdem das Flugzeug abgehoben und durch die dicke Wolkendecke geflogen war, strahlte die Sonne durchs Fenster. Wunderschön.

Aussicht von Platz 20F. Das müssten die Alpen sein.

Neben mir saß eine israelische Familie mit drei Jungs. Während des Fluges las ich in meinem Hebräisch-Sprachführer und die Eltern, die neben mir saßen, schliefen. Dann im Landeanflug auf Tel Aviv kam ich mit der Mutter ins Gespräch. Sie waren gerade auf der Rückreise von ihrem Urlaub in Costa Rica. Joa, gönnt man sich. Vor allem, wenn man geimpft ist. Die Kids sind dann wohl auch demnächst dran. Sie wünschte mir eine gute Zeit und ich bedankte mich für das kurzweilige Gespräch. Dann gings raus aus dem Flugzeug und Richtung Gepäckausgabe.

Zuerst aber musste ich einreisen. Dafür gibt es in Tel Aviv keine Beamten, sondern Automaten. Bei denen legt man den Pass auf den Scanner und wird dann geblitzt-dingst. Dafür darf man dann sogar ganz kurz die Maske absetzen. Anschließend bekommt man ein kleines, blaues Stück Papier ausgedruckt, das den Einreise-Stempel ersetzt. So ein Stempel kann nämlich sonst zu Problemen führen, wenn man in ein anderes arabisches Land möchte. Israel und die umliegenden, muslimischen Länder sind ja nicht soooo gute Freunde.

Damit aber noch nicht genug. Auch hier musste ich wieder an einem Extra-Schalter meine ganzen Zettel vorlegen, bekam eine Bestätigung und durfte zur Gepäckausgabe.

Der Gang zur Gepäckausgabe. Architektonisch wertvoll.

Mein Koffer zeigte sich nicht sofort, ebenso der Weg zum Corona-Testcenter, welcher schlecht ausgeschildert war. Eigentlich hätte ich auch hier nur dem allgemeinen Menschenstrom folgen müssen, denn alle Einreisenden müssen einen PCR-Test machen lassen. Ich hatte mich schon von Deutschland aus angemeldet und einen Termin um 23:40 Uhr registriert, aber die Schlange wurde nicht kürzer. Tatsächlich galt die Uhrzeit für den Test nur pro forma. Man kam dran, wenn man dran kam. In der Schlange traf ich noch einen weiteren Deutschen, dem ich ein wenig bei der Anmeldung beim Testcenter auf dem Handy half. Auch redete ich ein wenig mit einem älteren Ehepaar, das augenscheinlich aus Israel kam. Sie fragte ich auch, wie das mit den Taxi-Fahrern ist. Vorab hatte ich nämlich gelesen, dass manche Fahrer gerne Wucherpreise abrufen und in Peking ist das uns damals ja auch passiert. Doof. Braucht man nicht zweimal.

Warteschlange beim PCR-Testcenter

Die Frau aber konnte mich beruhigen. Die Taxi-Preise sind in Israel staatlich festgelegt. Ich solle einfach nach der Preisliste fragen, dann würde ich nur seriöse Taxi-Fahrer finden. Sie fragte mich auch, wohin ich wöllte und was ich in Israel vorhabe. Ihr war das Hotel Okeanos in Herzliya sofort ein Begriff und sie meinte, dass es eine gute Wahl sei (was ich retrospektiv auch bestätigen kann). Ich erzählte ihr auch, dass ich beruflich hier bin und bei Zulassungsfahrten auf der Eisenbahnstrecke Tel Aviv-Jerusalem beteiligt bin. Daraufhin meinte sie, dass die Leute hier sehr auf mich warten. Anscheinend ist das wohl ein sehr wichtiges Projekt für die Menschen hier. Ich finde es schön, dass es für die Leute gleich ein Begriff ist, wenn man ihnen sagt, dass man nach Israel kommt, um an der Bahnstrecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem zu arbeiten. Es ist halt eine nicht ganz unwichtige Verbindung.

Vor dem PCR-Test hatte ich ja etwas bammel. Ich dachte, dass ich sofort und sehr stark niesen müsste, wenn mir diese Stäbchen in die Nase gesteckt werden, aber das war glücklicherweise nicht der Fall. Das (negative) Testergebnis war übrigens schon nach sechs Stunden auf meinem Handy. Geht erstaunlich flott! Und das war schon der langsame Test. Ich nutzte noch gleich die Change und fragte, ob es ein Impfcenter im Flughafen gibt. Ja gibt es, hatte aber schon geschlossen. Schade.

Nachdem ich nun alle Hürden im Flughafen gemeistert hatte, gings raus zu den Taxen. Die Bahn fuhr zur späten Stunde nicht mehr und außerdem hätte ich sie eh nicht nutzen dürfen auf meinem Weg in die Quarantäne.

Hier wurde ich natürlich sofort umringt und ich sollte erstmal einsteigen…über Preise würde man später reden. Dass ich nur eine Kreditkarte hätte, wäre kein Problem. Man könne ja in der Stadt an einem Automaten anhalten, wo ich mir Cash ziehen könnte.

Nö. Dann halt nicht. Das war mir zu unseriös.

Deshalb bin ich zurück zum Flughafen und fragte nach einem Bankautomaten, um mir meine ersten Schekel ausdrucken zu lassen. Das klappte auch ohne Probleme und dann zückte ich die App „Gett“, welche mir vom Hotel empfohlen wurde. Damit kann man Taxen bestellen. Ich fand das auch deswegen unkompliziert, weil der Fahrer schon das Ziel vorab weiß. Und ich kann den Fahrer bewerten bzw. melden, wenn’s wirklich schief gehen sollte.

Tatsächlich hatte ich schon kurz nach der Bestellung einen Anruf auf meinem Handy von meinem Taxi-Fahrer namens Jesaja. Das konnte nur gut gehen und ging es auch. Jesaja war ein sehr gesprächiger, netter Typ. Wir unterhielten uns die komplette Fahrt. Er erzählte mir, wo wir gerade dran vorbei fuhren und gab mir Tipps, mit welchem Fortbewegungsmittel ich in Israel gut von Pontius zu Pilatus kommen kann. Bus und Bahn sind gut und günstig. Taxen überall erreichbar, aber etwas preisintensiver. Von den Scheruts, einer Art Sammeltaxi, riet er mir ab, weil man dort sehr dicht gedrängt sitzt. Wenn ich aus der Quarantäne raus komme, gucke ich mir das alles mal an. Die Fahrt verging wie im Flug, nicht nur weil Jesaja sehr flott unterwegs war, sondern auch, weil es mit ihm sehr angenehm war. Schon waren wir an meinem Hotel in Herzliya angekommen. Wir verabschiedeten uns und ich bedankte mich für die gute Fahrt.

Am Empfang saß der Nacht-Portier und schnarchte. Ich kramte daher leise meine Buchungsbestätigung fürs Zimmer raus und versuchte ihn mit einem „Excuse me“ sanft zu wecken. Er guckte mich daraufhin nur verschlafen an und deutete auf die linke Hälfte des Tresens, auf dem drei Briefumschläge lagen. Auf einem Stand mein Name und darin fand ich den Schlüssel zum Zimmer.

Endlich war ich also angekommen. Ich war zwar noch ziemlich wach, doch freute mich schon sehr, nach diesem langen Tag mit dem weiten Weg schlafen gehen zu können. Ich schloss hinter mir die Türe, wohlwissend, dass ich dieses Zimmer für die nächsten zehn Tage nicht verlassen darf. Mal sehen, wie hart diese Quarantäne werden wird.

Am Fenster hörte ich das Meer rauschen und unter mir fingen die Sprenger an, den Rasen und die Hecke zu gießen.

Gute Nacht. 🙂

Pft-pft-pft-pft Rasensprenger

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